Mutterschaft ist kein rosa Designermäntelchen

Samstagnachmittag. Zwei Tage vor Weihnachten. Ich sitze in der Küche mit einer Tasse Pseudokaffee (entkoffeiniert) in der einen und mit dem Handy in der anderen Hand, um in den nächsten 10 Minuten alle Nachrichten meiner Freunde und der Familie zu beantworten und um einen schnellen Blick in die sozialen Netzwerke zu erhaschen. Fünfzehn Minuten später lese ich noch immer Blogs und scrolle mich durch die bunte Insta-Welt. Mittlerweile ist mein Blutdruck im oberen Level meines Normalzustandes angekommen. Das liegt einerseits an der Hausarbeit die noch erledigt werden möchte, bevor unser Töchterchen aus ihrem Mittagsschlaf erwacht, andererseits an den Stories und magazintauglichen Fotos der Netzwerkblasen.

Post 1: Mami posiert im Partnerlook mit Babygirl. Rosa Mäntelchen schwingend tänzeln sie über verschneite Wege, kurz blitzt das Logo des Designers auf.

Post 2: Mami und Papi schmücken einen prächtigen Weihnachtsbaum, während sich ihre drei Kids darunter neckisch mit Rentierpullovern vor einem Geschenkeberg arrangieren.

Post 3: Double-Mom-to-be kuschelt mit Kind Nummer eins und einer hübsch verhüllten Babymurmel gemütlich und entspannt vor dem Kamin, die eigene Wallemähne in sanfte Locken gelegt. Das Feuer prasselt und Double-Dad-to-be schwenkt im Hintergrund ein Gläschen Hochprozentiges. Die dazugehörige Flasche unauffällig in die Bildgeschichte integriert.

„Mensch Mandy!“, werden wohl gerade einige denken. „Biste etwa neidisch?“
Ja! Natürlich! Auf die Zeit, die diese Mütter und Väter darauf verwenden können, sich selbst und ihre Welt so hübsch auf einem Bild zu drapieren. Ich bin schon froh, wenn ich den Portrait-Modus meines Handys auf eine Momentaufnahme verwenden kann und dabei brauchbares Material herauskommt. Meine DSLRer liegt seit über zehn Monaten im Schrank und fristet ihr Dasein. Bilder nachbearbeiten? Photoshop? Dafür gibt es jetzt APPs. Nur das Feintuning bleibt damit auf der Strecke. Doch all das ist auch nicht wichtig, wenn sich der eigene Alltag von innen nach außen, von oben nach unten kehrt, weil sich ein kleines Menschlein den Weg in selbigen gebahnt hat. Und ein wenig neide ich der Mami im rosa Mäntelchen ihr Schnee-Erlebnis. Das hätte ich auch gern. Fürs Weihnachtsfeeling.
Mein Handy piept. Ein Bild meiner Freundin mit ihrer knapp einjährigen Tochter auf ihr schlafend, erreicht mich. „Ich muss mal.“, schreibt sie mit einem fetten Grinse-Emoji. Unretuschiert.
Das ist der Alltag, denke ich und fühle mit ihr. Meine Tochter übt sich derweil im rhythmischen Schnarchen, dank des zähen Schnupfens, der sie nebst drei weiteren Zähnen quält. Dabei wirft sie ab und an unruhig ihren Kopf hin- und her. Ich beobachte sie auf dem Monitor des Video-Babyphones. Eine Anschaffung die mein Mann für sinnvoll hielt und ich ihm heute dankbar für seine Hartnäckigkeit bin. Wie blümerant war doch meine karge Vorstellung einer Mutterschaft.
Nein, ich komme jetzt nicht mit regretting motherhood um die Ecke. Ich bereue nichts. Ich liebe mein Kind, ich liebe es ihre Mami zu sein, aber ich liebe auch meine Freiheit. Und beides geht eben nicht im Partnerlook einher. Auch wenn bunte Bilder und Zuckerwattetexte uns das glauben machen wollen. Ich bin unendlich dankbar für unsere Tochter. Sie ist wundervoll, einzigartig und ich bin voller Liebe für sie. Ich genieße jeden Moment. Sie ist das Beste, was uns passieren konnte. Vielleicht ist auch nur meine Realität und die der Mütter aus meinem Dunstkreis eine andere. Ich bin noch immer Mandy. Ich interessiere mich noch immer für eine breite Palette an Dingen, die mit Breiherstellung, Windelmarken oder die beschwerliche Suche nach einem Betreuungsplatz für unser Kind nicht viel gemein haben. Doch es gab auch ein Downgrade meiner Zeit, die ich auf diese anderen Dinge verwenden kann und ein Upgrade meiner Selbst auf Mandy 3.0. Frau, Freundin, Mutter. Über die Proportionalität der Anteile brauche ich nicht zu schreiben.
Während ich diesen gerade einmal A4-seitigen Text schreibe, ist der Zwerg einmal ganz aufgewacht und zweimal halb, der Hund hat kurz gemeckert, weil die Nachbarn lauten Schrittes sein Nachmittagsschläfchen störten und ich habe weder Hausarbeit erledigt, noch die Weihnachtsgeschenke eingepackt. Dafür kurz schriftlich Dampf abgelassen. Muss auch mal sein. Ich werde mich jetzt an mein Kind kuscheln, in Jogginghose aber mit geföhntem Haar. Der Dreck rennt (leider) nicht weg und Weihnachtsgeschenke lassen sich auch wunderbar gemeinsam verpacken. Mit Babyspucke und Hundehaaren auf dem Geschenkpapier, unter der künstlichen Tanne.

Frohe Weihnachten! Habt’s schön!

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